Die Human-Computer-Interaction-Forschung in Siegen ist geprägt von einer sozialwissenschaftlich fundierten Perspektive, die digitale Technologien stets im Kontext realer Lebenswelten untersucht. Diese Tradition wurde über Jahrzehnte durch Ansätze wie Practice-based Computing, Infrastructuring, Computer Supported Cooperative Work und Social Informatics entwickelt. Sie geht davon aus, dass Technikgestaltung nicht in abstrakten Laborsituationen entsteht, sondern in Aushandlungsprozessen zwischen Menschen, Praktiken und materiellen Umgebungen.
Der Sammelband 25 Years of Socio-Informatics beschreibt diese Forschungskultur als langfristige Hinwendung zu sozial eingebetteter Technik: Technologien werden zusammen mit Nutzer*innen, Communities und Organisationen entworfen, erprobt und weiterentwickelt. Menschen gelten nicht als passive Anwender*innen, sondern als Expert*innen ihrer eigenen Lebenswelt. Gestaltung geschieht in enger Verbindung mit Feldforschung, ethnografischen Studien, partizipativen Verfahren und iterativen Prototypen, die in situ erprobt werden.
Diese Tradition betont außerdem die Bedeutung von Infrastrukturen: Nicht nur einzelne Anwendungen, sondern die sozialen, materiellen und institutionellen Gefüge, in denen sie eingebettet sind, bestimmen darüber, wie Technik wirkt. Forschende in Siegen betrachten deshalb auch Wartungsarbeit, improvisierte Lösungen, Alltagstechniken und lokale Praktiken als zentrale Elemente von Innovation. Technologie entsteht dabei nicht als fertiges Produkt, sondern als Teil eines fortlaufenden Aushandlungsprozesses.
Imagine Utopia schließt direkt an diese Perspektive an. Der Prototyp wurde nicht als abstraktes Zukunftstool konzipiert, sondern im Austausch mit konkreten sozialen Situationen: Bildungsinitiativen, Stadtgesellschaft, zivilgesellschaftlichen Akteuren und lokalen Praktiken der Zukunftsgestaltung. Workshops, Analysen und Szenarien hatten nicht das Ziel, eine universelle Lösung zu entwerfen, sondern jeweils kontextspezifische Formen der Zukunftsreflexion zu ermöglichen. Diese Orientierung an realen Settings spiegelt die Siegener Haltung, dass Technologie nur dann relevant wird, wenn sie aus gelebten Situationen heraus entwickelt wird.
In diesem Sinne versteht Imagine Utopia Zukunftsgestaltung als gemeinsames Infrastrukturbauen: Menschen, Methoden, Räume, Narrative und digitale Werkzeuge greifen ineinander. Der Prototyp dient als Teil dieser Infrastruktur, nicht als dominierende Instanz. Er schafft Orte für Dialog, Reflexion und Ko-Kreation und folgt damit der Siegener Überzeugung, dass nachhaltige Technologien nur im Zusammenspiel mit sozialen Praktiken und lokalen Gemeinschaften entstehen können.
Durch die Verbindung utopischer Verfahren mit der Tradition der Socio-Informatics erweitert Imagine Utopia die Perspektive auf Zukunftsgestaltung: nicht als abstrakte Vision, sondern als sozial eingebettete Praxis, die auf Augenhöhe mit den Menschen entwickelt wird, die sie nutzen. Damit fügt sich das Projekt in die lange Siegener Forschungslinie ein, die Technik als Teil einer gemeinsamen, verhandelbaren Zukunft begreift.